top of page

Die hyazinthene Stimme des Knaben · Georg Trakl · Am Mönchsberg Serielle Anordnung von 50 Photographien im Visit- und Kabinettformat, aufgenommen in Wiener Ateliers 1875-1905 Rahmung: Michael Haider (C. Bühlmayer) Lichtgeflüster in Fotopapieren der Jahrhundertwende, der langsame Pulsschlag Sepia bis Weiß, Blau bis Rosa. Das Momentane in der Haltung des Portraitierten, der schwerelose Blick und die still anwesenden Gegenstände der Zeit fallen ins Auge. Ein Ton von hellen und jungen Stimmen betört das Ohr. Wien im Jahr 1910 war ein prächtiger Schmelztiegel. In nur 60 Jahren war die Einwohnerzahl von 500.000 auf zwei Millionen gestiegen. Kunst, Technik und Politik pulsierten. Der Reichtum war atemberaubend. Die privilegierte Klasse des Bürgertums war geschaffen für ein Leben in Luxus, Raffinesse und Dekadenz. »Oh, wie herrlich lebten sie!«, schrieb Josef Roth in Das Spinnennetz. Das Proletariat lebte in seiner eigenen Kultur, für die nicht der Überfluß, sondern der Mangel kennzeichnend war. Zwei Kulturen, jeweils auf einer Erdhälfte stehend, Bürger und Proletarier, Gegensätze der Jahrhundertwende. Die Plebejer: gebrochen, verraten, verludert, eine Welt, in der Trunksucht, Hunger und Bluthusten grassierten. Attraktive Jünglinge aus der Oberschicht, die sich an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein befanden, wurden zum begehrten Objekt der Studiofotografie des Fin de Siècle. Das jahrelange Durchblättern von Fotografien am Wiener Flohmarkt mündete in einer umfangreichen Sammlung von Fotografien im Visit- und Kabinettformat, aufgenommen in Wiener Ateliers 1875–1905, die die Vielfalt des gestischen und mimischen Ausdrucks der heranwachsenden Söhne des Bürgertums dokumentieren. Das Fotokonvolut wurde 1996 von Gerhard Fischer angelegt.

bottom of page